Schichtungen des Realen

Ausstellung im Kunsthaus sans titre, Potsdam

25. September - 30. Oktober 2022

 

Mit Arbeiten von:

Elena Helfrecht • Karina Sirkku Kurz • Gisoo Kim • Axel Beyer • Wolfgang Zurborn

 

Es ist ein glücklicher Moment, wenn innere Bilder und äußere Realität zusammenkommen in subjektiven Wahrnehmungen von Lebenswelten. Das Medium der Fotografie kann dann, jenseits des Glaubens an eine eindeutige Interpretation der Wirklichkeit, immer tiefer eindringen in die komplexen Schichtungen des Sichtbaren. Die künstlerische Haltung ist dabei, sich nicht vorschnell zufrieden zu geben mit dem einfachen Abbild der Welt, sondern mit experimentellen und konzeptionellen Methoden visuelle Metaebenen zu entwickeln. In diesen entsteht eine Kraft der Imagination, die die Betrachter*innen mit eigenen Erfahrungen und Fantasien füllen können.

 

Die Künstler*innen Elena Helfrecht, Karina Sirkku Kurz, Gisoo Kim, Axel Beyer und Wolfgang Zurborn hinterfragen mit ihren fotografischen Arbeiten ihre eigene Identität mit all den Prägungen, die sie durch familiäre, gesellschaftliche, kulturelle und politische Einflüsse erhalten haben. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf der Schnittstelle zwischen real und surreal und ermöglichen mit ihren ungewöhnlichen Bildwelten einen Blick auf unsere Gegenwart jenseits konventioneller Denk- und Wahrnehmungsmuster.

So untersucht Elena Helfrecht mit ihrer Arbeit Plexus (2018–heute) den Einfluss der Familie auf psychologische und kulturelle Prozesse innerhalb einer vier Generationen umspannende Geschichte . Dabei verschmelzen dokumentarische und inszenierte Bilder zu einer Art allegorischen Theaterstück, in dem ihr Familienanwesen in Bayern zu einer Bühne wird, auf der alltägliche Objekte zu geheimnisvollen Darstellern von Gegenwart und Vergangenheit transformieren. Im Stil eines magischen Realismus werden präzise Einblicke in einen privaten Kosmos gegeben und zugleich eine sinnbildliche Erzählung voller Symbole und Assoziationen kreiert, die in ihrer visuellen Verdichtung das Abgebildete aus dem konkreten Kontext entrückt.


​Bei dem mehrteiligen fotografischen Werk Supernature (2015 - 2019) von Karina-Sirkku Kurz ist der menschliche Körper das zentrale Motiv. Ihre Bilder versteht sie als ein visuelles Staunen über Dinge, über die Welt und über das, was Menschen tun. So rückt die ästhetisch-plastische Chirurgie in ihr Blickfeld, die den eigenen Körper in ein formbares, skulpturales Objekt umwandelt. Mit einer konzeptionellen Herangehensweise kombiniert sie bei der Installation ihrer Arbeit Exponate in unterschiedlichen Größen, produziert mit ausgewählten Druck- und Ausbelichtungsverfahren. Jenseits einer linearen Erzählung mit moralisierender Wertung fügen sich formal komprimierte Blicke auf Körperteile und medizinische Objekte zu einem Narrativ zusammen, das vielmehr Fragen aufwirft zum Selbst-Bild der Menschen.


Gisoo Kim geht beim Umgang mit ihren fotografischen Bildern noch einen Schritt weiter, indem sie durch Sticken, Schneiden und Collagieren konkreten Sichten auf die Welt weitere visuelle Ebenen hinzufügt. In der Schichtung und Interaktion der verschiedenen Materialien und Bildwelten mit variierender formaler Abstraktion kreiert die Künstlerin eine Vielzahl neuer Realitäten. Natur, Nachhaltigkeit und das Zusammenleben der Menschen bilden dabei für sie die grundlegenden Themen und so stellen Fotografien von Menschen in Landschaften häufig das Ausgangsmaterial ihrer Mixed Media Arbeiten dar. Die experimentelle Überarbeitung entrückt im weiteren künstlerischen Prozess das Abgebildete aus realen Kontexten und entwickelt dabei eine poetische Kraft der Bilder, die einen neuen Blick auf scheinbar Vertrautes möglich macht.

 

Die visuelle Montage ist auch für Axel Beyer die angemessene Technik, einen konkreten Ort einerseits präzise fotografisch zu erkunden und andererseits eine sehr pointierte persönliche Sicht auf Absurditäten des Alltäglichen zu formulieren. Vorgefunden hat er diese in der hessischen Kleinstadt Bebra, die er aus familiären Gründen häufig besucht hat und dabei das Interesse für eine dokumentarische Annäherung entstanden ist. Ihm wurde aber schnell klar, dass eine nüchtern sachliche Darstellung nicht das vermitteln würde, was für ihn besonders ist an diesem Ort in der Provinz. Unter dem Titel Bebra Curiosa hat er dann Fotomontagen kreiert, die mit einer visuellen Verschachtelung von Innenräumen und Außenwelten, grotesken Verschiebungen der Größenverhältnisse und aberwitzigem Zusammenspiel alltäglicher Objekte einen humorvoll ironischen Blick auf das ansonsten Übersehene werfen.

 

In der Serie Play Time (2015-2019) von Wolfgang Zurborn wirken die Fotografien auch oft wie Collagen, aber es sind tatsächlich Momentaufnahmen aus dem städtischen Leben bei verschiedenen Anlässen und an ganz unterschiedlichen Orten. Mit ungewöhnlichen Perspektiven werden die Betrachter*innen in eine ganz eigenwillige, skurrile Bilderwelt entführt, in der Szenen und Objekte des alltäglichen Lebens scheinbar aus dem Lot geraten sind. Der zeitgenössische Mensch findet sich in einer Play Time wieder, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Das Gefühl für die Geborgenheit in einem vertrauten Lebensraum löst sich dabei immer mehr von einem konkreten Ort ab hin zu einer Welt voller künstlich geschaffener Mythen.

 

Text: Wolfgang Zurborn